Böhmermann Unleashed

Der größte Troll der Nation und sein Werdegang

Es hat alles so harmlos angefangen. Ein abgebrochenes Studium in Theater-und Filmwissenschaften, ein Job als Moderator in der harmlosen Radiosendung hr3 pop&weck… Alles hätte so schön sein können.
Doch bereits Jan Böhmermanns erstes eigenes Format, „Lukas Tagebuch„, sorgte für einiges an Aufsehen. Die Parodie auf den Fußballer Lukas Podolski nahm dieser so persönlich, dass er der ARD sämtliche Interviews verweigerte und sogar Klage einreichte, um eine einstweilige Verfügung zu bewirken. Dass man einem Satiriker kaum bessere Werbung verschaffen kann, wurde Podolski dann wohl auch irgendwann klar. Zumindest zog er eine zweite Klage bereits nach kurzer Zeit zurück. Mit fortführenden Formaten wie „Pod-Olski – Der EM-Podcast von Lukas“ und „Lukas’ WG“ knüpfte Böhmermann erfolgreich an den Ersterfolg an. Und Poldi nahm es ab dann anscheinend mit etwas mehr Humor.
Interessant auch: Schon damals gelang es ihm, die restliche Medienlandschaft an der Nase herumzuführen. Das Zitat „Fußball ist wie Schach – nur ohne Würfel!“, das Böhmermann Poldi in den Mund gelegt hatte, wurde beinahe zum Fußballerzitat des Jahres gewählt… obwohl es von einem Satiriker kam.
Erstaunlicherweise kam seine nächste Sendung, „echt Böhmermann“ ohne größere Skandale oder Trollaktionen aus. Die improvisierte Comedy war zwar meist inhaltlich treffend und auf vergleichsweise hohem Niveau, aber der große Wurf konnte nicht gelandet werden.
Der gelang dann ausgerechnet bei RTL das nächste Mal. Im Rahmen der Sendung „TV-Helden“ wurde der erste türkische Karnevalsverein Deutschlands gegründet. Obgleich die offensichtliche Satire in diesem Fall von den Medien mal erkannt wurde, machte die Sache deutschlandweit Schlagzeilen und fand Beachtung als satirischer Beitrag zur Einwanderungsdebatte. Die Beachtung war so groß, dass die Sendung sogar mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichent wurde. Und das obwohl sie schon nach zwei Folgen wegen zu niedriger Quoten abgesetzt worden war.
Es folgten Engagements auf 1LIVE, wo monatlich „Die ganz große Jan Böhmermann Radioschau“ gesendet wurde und ein fester Platz im Ensemble von Harald Schmidt. Genau wie bei seinen wiederum darauf folgenden Projekte „Lateline“ und der Kolumne „Gott fragt, Böhmermann antwortet“ lieferte er gute Satire ohne größere Skandälchen.
Neben diversen Radiosendungen folgte schließlich die Talkshow „Roche und Böhmermann„. Diese erfreute sich durchaus großer Beliebtheit, wurde wegen „Uneinigkeit zwischen den Beteiligten“ aber nach zwei Staffeln nicht mehr fortgesetzt.
Der nächste kleine Skandal folgte bei einem Einspieler für die Sendung „16 x Deutschland„. Hier bekam jeweils ein Filmteam die Möglichkeit, innerhalb von 15 Minuten das eigene Bundesland vorzustellen. Böhmermann bekam den Zuschlag und lieferte eine von subtiler Satire triefenden Beitrag, der dem weniger medienkompetenten Zuschauer durchaus wie eine echte Dokumentation vorkommen konnte. Die Entrüstung war wieder einmal groß, vermutlich weil die Kritisierenden gnadenlos auf Böhmermann hereingefallen waren.
Man sollte eigentlich meinen, spätestens ab dann hätten die Medien gelernt, wie man Böhmermanns Werke zu verstehen hat. Doch auch bei seinem gefaketen Bekennervideo zu Varoufakis Stinkefinger fielen wieder unzählige auf ihn herein. Böhmermann behauptete schlicht und einfach, dass sein Team den Stinkefinger in das Video geschnitten habe. Eine Falschbehauptung, die auch bei genauer Betrachtung des gezeigten Videomaterials schon hätte auffallen müssen. Tat sie aber in vielen Fällen nicht. Das Ergebnis war internationale Aufmerksamkeit für eine kleine Sendung im ZDF-Spartensender ZDF-Neo und ein Grimme-Preis.
Sein Song „Ich hab Polizei“ sorgte ebenfalls für nicht unerhebliche Aufregung. In ihm wurde, auf die Mittel des Gangster-Rap zurückgreifend, die Arbeit der Polizei glorifiziert und so durch absolute Übertreibung satirisch aufgearbeitet. Das Lied konnte sich sogar mehrere Wochen in den Charts halten.
Natürlich nicht vergessen werden dürfen die jüngsten Geschehnisse rund um Erdogan. Nach einem satirischen Beitrag in der Sendung Extra3 hatte Erdogan sich mit einer Beschwerde an den deutschen Botschafter gewendet. Als direkte Reaktion darauf verlas Böhmermann in seiner Sendung ein inhaltlich recht hartes Schmähgedicht, das als Beispiel dafür dienen sollte, wie eine verbotene Schmähkritik denn in Wirklichkeit aussehe. Lustigerweise wurde ebendieser einordnende Kontext, der der Satire überhaupt erst ihren Sinn gibt, in der Berichterstattung oft weggelassen oder nur am Rande behandelt. Das weltweite Medienecho und die entlarvend unverständige Berichterstattung, die in vielen Fällen belegt, dass die Satire nicht im Ansatz begriffen wurde, sprechen für sich.
Hoffen wir mal, dass der jüngst verhängte Polizeischutz zuverlässig greift und Böhmermann uns noch lange erhalten bleibt. Denn ein guter Troll ist genau das, was diese Nation jetzt braucht.

6 Kommentare

  1. Ich muss sagen, dass Böhmermann oft die Grenzen haarscharf behandelt. Dieser letzte Vorfall allerdings zeigt sehr genau, was für eine Diktatur Erdogan führt. Und leider zeigt er auch, wie schwach die deutsche Regierung in den letzten 1-2 Jahren geworden ist. Merkel hätte Erdogan zu mit diesem Vorfall sehr deutlich vermitteln können, dass Pressefreiheit ein hohes Gut ist. Wenn er in seinem Land alles und jedem den Mund verbietet, ist schon schlimm genug.

  2. Nun ja, da kann man geteilter Meinung sein. Böhmi’s Gedicht ist sicher diskutabel (ich find’s geschmacklos) aber darum ging’s doch: Die Grenzen der SAtire aufzeigen, an einem Lebensnahen Beispiel, eben Erdogan

  3. Anfangs war mir der Böhmermann ein Tuch mit sieben Siegeln. Ironie und Satirik kannte ich eigentlich nur vom Postillion – und da war es recht offensichtlich.

    Aber nachdem ich ein bisschen nachgelesen habe – danke für deinen Beitrag – wird mir das schon etwas mehr klar. Von solchen Leuten wie Böhmermann sollte es mehr geben. Dann würden die Leute wohl auch eine ganz andere Medienkompetenz entwickeln..

    In diesem Sinne,
    Grüße aus Gelsenkirchen

  4. Wie schon im letzten Satz geschrieben, ist jemand wie Böhmermann genau das, was dieses Land braucht. Die Leute müssen nur lernen, mal wieder lachen zu können. Und die Leute, die auf die Schippe genommen werden, sollten es auch einfach mal mit Humor nehmen. Im Falle Erdogan kann man die Aufruhe evt noch etwas nachvollziehen, aber dadurch hat Böhmermann wohl genau das erreicht, was er wollte. Super Typ!

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