Die Todesstrafe

Ist sie moralisch vertretbar?

Todesstrafe_Symbol

Nur eine Frage der Moral?

Gerade bei emotional besetzten Themen wie Kindesmissbrauch kommt immer mal wieder aus gewissen Kreisen der Ruf nach der Todesstrafe. Oftmals bildet sich sogar ein förmlicher Lynchmob, der im Internet lautstark nach Vergeltung ruft. Grund genug, sich mal mit dem Thema zu befassen und die Gründe zu benennen, wegen denen die Todesstrafe in Deutschland verboten ist. Denn diese sind nicht nur rein moralischer Natur.

  • Moralische Gründe
    Das Leben eines Menschen zu beenden, das ist der schwerwiegendste Eingriff in dessen Existenz, den man vornehmen kann. Diesem Umstand tragen selbst die Länder Schuld, in denen die Todesstrafe zur Anwendung kommt. Denn auch dort ist die Todesstrafe in der Regel für die schwersten Verbrechen überhaupt vorgesehen, zumindest in der westlichen Welt.
    Mit der Schwere der Schuld wird also die Schwere der Strafe gerechtfertigt, was prinzipiell ja die Grundlage eines jeden Urteils ist. Es stellt sich jedoch nicht nur die Frage, ob die Todesstrafe der Schwere der Schuld angemessen ist, es stellt sich auch die grundsätzliche Frage, ob der Tod überhaupt als Strafmaßnahme taugt. Und gerade die zweite Frage wird oft zuungunsten der ersteren weitestgehend außen vor gelassen.
    Natürlich muss man diese Frage auch bei jeder anderen Bestrafungsmethode stellen und auch die Bestrafung durch Einsperren bedarf einer ausreichenden Begründung, um als vertret- und anwendbar zu gelten. Um das Thema kurz aufzugreifen: Ein Wegsperren dient zweierlei Dingen. Zum einen dient es dazu, die Gesellschaft vor dem Eingesperrten zu schützen. Zum anderen soll die Isolation Raum zur Reflektion und Zeit zum Nachdenken geben. Die Kerngedanken hinter dem Prinzip von Gefängnissen sind also der Schutz Unschuldiger und ggf. (falls möglich) die spätere Rehabilitierung des Verurteilten.
    Bei der Todesstrafe wird auch oft so getan, als ob der Schutz der Gesellschaft im Vordergrund stehen würde. Sobald man etwas tiefer bohrt, tritt jedoch oft zutage, dass hier Gleiches mit Gleichem vergolten werden soll. Es geht darum demjenigen, der etwas Grausames getan hat, auch etwas Grausames anzutun. Das hat nichts mit einem modernen Rechtsverständnis zu tun, sondern basiert rein auf dem Gelüst nach Rache. Und mit einer solchen Motivation hinter dem eigenen Handeln hat man sich letztlich auf dieselbe Stufe begeben. Damit wäre das Thema erledigt, könnte man meinen…
    Doch es gibt durchaus auch Befürworter der Todesstrafe, die nicht aus reinem Rachegelüst heraus argumentieren. Wenn die vom Verurteilten ausgehende Gefahr als so hoch eingeschätzt wird, dass selbst das geringe Risiko eines gelungenen Ausbruchs nicht mehr als vertretbar erscheint, dann ist das ein valides Argument für eine Exekution. Wir reden hier zwar von Ausnahmefällen, aber letztlich muss man in der Rechtsprechung auch diese Bedenken. Wo genau man die Grenze zieht und wann man einen Menschen als so gefährlich ansieht, dass das Restrisiko einer Flucht ausreichend Gewicht hat, um die Todesstrafe zu rechtfertigen, das ist wiederum extrem schwer festzulegen. Denn unterm Strich legt man hier eine Grenze fest, mit deren Überschreitung ein Mensch seine Menschenrechte verwirken kann.
    Da die moralische Komponente nur eine von mehreren ist, die gegen die Todesstrafe spricht, gibt es aber in meinen Augen genügend Argumente, dass man diese Grenze gar nicht erst definieren muss.
  • Fehlentscheidungen
    Niemand ist perfekt. Auch Gerichte nicht. Die Zahl der Fehlurteile ist nur schwer feststellbar, da die Größe der Dunkelziffer kaum bemessbar ist. Aber alleine die bekannten Fälle reichen aus, um extrem nachdenklich zu werden. Ganz besonders wenn es um Geschworenengerichte geht. In den USA wurden beispielsweise seit 1973 etwa 140 Verurteilte wieder aus dem Todestrakt entlassen, weil ihre Unschuld zweifelsfrei belegt wurde. Wie viele Menschen durch Fehlurteile vom Staat getötet wurden, das ist unbekannt.
    Der große Vorteil einer Haftstrafe ist, dass man den betroffenen Menschen noch freilassen kann, wenn sich die Unschuld im Nachhinein herausstellt. Ein häufig angebrachtes Gegenargument ist hier, dass die zu Tode verurteilten meist sowieso jahrzehntelang auf ihre Hinrichtung warten und man sie dadurch ja auch noch freilassen könnte. Diese Art der Argumentation finde ich etwas befremdlich, da sie ja letztlich sagt: „Unsere Art der Bestrafung ist in Ordnung, weil sie in den meisten Fällen gar nicht zur Anwendung kommt.“ Mit dem Verweis auf die langen Jahre in Haft, die einer eventuellen Hinrichtung vorausgehen, hat man die Überlegenheit der Haftstrafe als Maßnahme quasi schon eingeräumt. Zudem ist das Leben im Todestrakt eine psychologische Tortur sondergleichen. Wer einmal einen Einblick bekommen möchte, dem sei die Lektüre von Dead Man Talking empfohlen.
  • Finanzielle Gründe
    Eigentlich darf und soll der Faktor Finanzen bei einem Strafmaß keine Rolle spielen, aber da oft von Befürwortern der Todesstrafe das Argument genannt wird, dass man kein Geld verschwenden wolle/solle, um Verbrecher durchzufüttern, greife ich dies trotzdem kurz auf.
    Kurz: Man spart mit der Todesstrafe kein Geld. Die Kosten für einen Prozess, der mit ausreichender Sicherheit die Schuld belegt, um eine Hinrichtung rechtfertigen zu können und die anschließende Unterbringung im Todestrakt sind astronomisch hoch. Es ist unterm Strich deutlich günstiger, die Verurteilten einfach lebenslang in ein normales Gefängnis zu stecken.
    Geld sparen kann man mit der Todesstrafe nur dann, wenn man nicht in einem Rechtsstaat lebt… Und ich glaube in einer willkürlichen Diktatur möchte niemand von uns leben.
  • Rechtliche Klassengesellschaft
    Ein allgemeines Problem im Justizsystem ist für die Todesstrafe von besonderem Belang: Denn rechtliche Konsequenzen jeder Art treffen überproportional oft Arme und Angehörige von Minderheiten. Das ist zwar bei jeder Art von Strafe problematisch, aber besonders bei der Todesstrafe extrem fatal. Solange dieses Problem nicht gelöst ist, stellt es ein klares Argument gegen die Todesstrafe dar.

Das Thema lässt sich natürlich noch weiter vertiefen, zum Bespiel ist die oft erhoffte abschreckende Wirkung der Todesstrafe bis heute nicht ansatzweise nachgewiesen worden. Wenn man bedenkt, dass Morde und Triebtaten oft im Affekt oder in Kombination mit psychologischen Störungen erfolgen, dann leuchtet die nicht feststellbare Abschreckung aber eigentlich auch ein. Fairerweise muss man aber sagen, dass die abschreckende Wirkung verhältnismäßig selten von Befürworten als wichtiges Argument ins Feld geführt wird.

Meine Position sollte schon klar geworden sein: Die Todesstrafe ist als Bestrafungsmethode nicht haltbar. Auch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International arbeiten schon seit Jahrzehnten gegen die Anwendung der Todesstrafe. Interessant ist jedoch die dabei aufkommende Frage, ob man als Mensch seine Menschenrechte verwirken kann. Vielleicht werden wir dies in einem gesonderten Artikel nochmal aufgreifen.

1 Kommentar

  1. Die Todesstrafe bei Kindesmissbrauch ins Spiel zu bringen, ist ohnehin Unsinn. Warum? Weil die Menschen in der Regel einer Krankheit unterliegen. Eine Sicherheitsverwahrung mit psychologischer Hilfe macht von daher viel mehr Sinn. VG Jochen

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