Die Wissenschaft der Mikroexpressionen und wie man damit Lügen erkennt

Zipped mouth

Warum lügt man überhaupt?

So gut wie jeder Mensch lügt mehrmals am Tag. Es fängt schon bei der Antwort auf die alltägliche Frage, wie es einem geht, an. Viele beantworten diese einfach mit einem “Gut“, verbergen damit aber lediglich die Wahrheit. Dies macht man, um seine Privatsphäre vor dem Gegenüber zu schützen oder um einem unangenehmen Gespräch aus dem Weg zu gehen. Dabei handelt es sich dann um sogenannte Höflichkeitslügen oder auch Notlügen. Solche Lügen sind allerdings weniger von Bedeutung und sie gehören einfach zum Alltag.

Menschen werden zu meisterhaften Lügnern wenn sie beispielsweise jemandem gefallen oder sich als kompetent zeigen wollen. Die Frage wie oft eine Person am Tag lügt hat bestimmt jeden schon einmal beschäftigt und man liest im Internet die verschiedensten Zahlen. Auf manchen Seiten wird behauptet man würde bis zu 200 mal am Tag lügen. Auf anderen findet man wiederum sehr ungenaue Angaben wie zum Beispiel 10-100 mal.

Wie oft lügt ein Mensch wirklich?

Zu diesem Thema gibt es aber auch ernstzunehmende Studien. Eine dieser Studien stammt von Bella DePaulo, einer amerikanischen Psychologin, die sich unter anderem auch mit dem Phänomen des Lügens beschäftigt. Die Teilnehmer der Studie sollten Tagebücher schreiben und darin auch ihre Lügen aufzählen. Als Ergebnis kam eine Quote von 2 Lügen pro Tag heraus. Notlügen wurden in diese Quote nicht mit einberechnet. Das Ergebnis gilt ebenfalls als unzuverlässig, da echte Lügner ihre Tagebücher nicht vollkommen ehrlich führen würden.

Eine weitere amerikanische Studie von Robert S. Feldman, der das Lügen und die alltägliche Täuschung bereits seit 25 Jahren untersucht, erzielte weitaus realistischere Ergebnisse. Ungefähr 120 Studenten sollten sich einer ihnen unbekannten Person in 10 Minuten vorstellen und ein sympathisches Bild von sich abliefern. In diesen 10 Minuten logen die Studenten durchschnittlich 2,9 mal. Bei einem nächsten Test Feldmans wurde einer Hälfte der Probanden gesagt, sie würden den Unbekannten nie wieder treffen, und der anderen Hälfte wurde vermittelt, sie würden den Unbekannten noch 3 weitere Male treffen. Beide Gruppen erreichten eine Lügenquote von circa 80 Prozent. Eine interessante Tendenz kam durch diese Studie zum Vorschein. Und zwar logen die weiblichen Teilnehmerinnen häufiger, wenn sie mit einem erneuten Treffen rechneten. Diesen Umstand erklärte man damit, dass Lügen als soziale Kompetenz den Frauen wichtiger war, als in weiteren Gesprächen als Lügnerin entlarvt zu werden. Feldman schlussfolgerte aus der Studie, dass es situationsabhängig ist wie oft man lügt und es weniger von der Persönlichkeit abhängt.

Eine Wissenschaft basierend auf Emotionen

Doch wie enttarnt man nun einen Lügner in einer Situation, in der eventuell Menschenleben auf dem Spiel stehen? Zum Beispiel beim Verhör eines Vergewaltigers oder Terroristen. Dazu gibt es eine Wissenschaft, in der vor allem Paul Ekman maßgebliche Meilensteine gesetzt hat.

Paul Ekman behauptet, dass Lügner sich durch Mikroexpressionen (engl. micro expressions) verraten. Das sind Gesichtsausdrücke, die nur einen Bruchteil einer Sekunde zu sehen sind. Erstmals entdeckt wurden diese von den Wissenschaftlern Haggard und Isaacs im Jahre 1966. Sie untersuchten Videoaufnahmen von Sitzungen einer Psychotherapie Bild für Bild. Ihr Ziel war es, neue Anzeichen nonverbaler Kommunikation (d.h. nicht sprachlicher Kommunikation) zwischen Patient und Therapeut zu finden. Sie beschreiben die Mikroexpressionen erstmals als „flüchtige Gesichtsausdrücke“ und erklärten, dass diese Ausdrücke das Ergebnis einer, dem Menschen unbewussten, Verdrängung sind. Weiterhin behaupteten sie, es sei unmöglich für Menschen, diese flüchtigen Ausdrücke in Echtzeit wahrzunehmen. Diese Theorie wurde später von Ekman und seinem Kollege Friesen widerlegt. Anhand von speziellen Trainings kann nämlich nahezu jeder lernen, Mikroexpressionen zu erkennen.

Ekmans Entdeckung der Mikroexpressionen

Paul Ekman erkannte bereits früh, dass es universelle Ausdrücke für Emotionen gibt. In den späten 1950er Jahren befasste er sich mit Handbewegungen und Gestiken. Anschließend weckte eine Förderung der Advanced Research Projects Agency (ARPA) des Verteidigungsministeriums sein Interesse für Gesichtsausdrücke und Emotionen. Er sollte kulturübergreifende Studien für menschliches nonverbales Verhalten durchführen. Somit reiste er 1967 und 1968 nach Papua Neu Guinea um das nonverbale Verhalten der unzivilisierten, isolierten Ureinwohner zu erforschen. Seine Forschungen dort stellen den stärksten Beweis für die Existenz universeller Gesichtsausdrücke dar. Er fand heraus, dass bei allen Menschen zwischen sieben Basisemotionen zu unterscheiden ist.

  • Wut, Ärger (Anger)
  • Angst (Fear)
  • Ekel (Disguist)
  • Freude (Happiness)
  • Überraschung (Surprise)
  • Trauer (Sadness)
  • Verachtung (Contempt)

Wie Mikroexpressionen funktionieren

Diese Emotionen kommen nach Ekman genetisch bedingt zum Vorschein. Man kann sie nicht durch Kultur erlernen, da sie tief in unserer Genetik verankert sind.

Mikroexpressionen sind dann zu erkennen, wenn Menschen ihre Gefühle vor sich selbst verstecken, unwissentlich was sie überhaupt genau fühlen (Verdrängung) oder wenn man seine Gefühle absichtlich verbergen will. In jedem Fall treten sie unwillentlich auf, da sie vom limbischen System, unserem Emotionszentrum, ausgelöst werden. Wir können diese Ausdrücke nicht steuern oder beeinflussen, weil das limbische System Außenreize ungefähr 500 Millisekunden schneller verarbeitet als unser Hirn. Es gibt 3 verschiedene Arten in denen sich die Ausdrücke äußern:

Makro: Gewöhnliche Ausdrücke, welche normalerweise eine halbe bis 4 Sekunden andauern. Sie passen zum Klang der Stimme und dem Gesagten und werden häufig wiederholt.
Mikro: Dies sind die Ausdrücke, die entscheidend sind um einen Lügner zu enttarnen. Sie sind nur extrem kurz sichtbar, in der Regel zwischen 0,04 und 0,06 Sekunden (0,04 Sekunden entsprechen1/25einer Sekunde). Meistens zeigen sie eine Emotion, die derjenige versucht zu verbergen und sind das Ergebnis von Unterdrückung oder Verdrängung.
Maskiert: Hinter einem falschen Gesichtsausdruck versucht man einen Makro Ausdruck zu verbergen.

Nun gilt es diese Ausdrücke zu verstehen und richtig zu interpretieren. Denn alleine vom Gesichtsausdruck einer Person kann man keine Schlüsse ziehen, ob es sich um eine absichtliche Unterdrückung (Suppression) oder eine unbewusste Verdrängung (Repression) handelt. Dazu ist die richtige Verbindung zum Kontext nötig.

Die Erfindung des Facial Action Coding System

Um die verschiedenen Ausdrücke für die Anwendung zu kategorisieren veröffentlichte Ekman zusammen mit Wallace Friesen 1976 das „Facial Action Coding System“ (F.A.C.S., zu deutsch: Gesichtsbewegungs-Kodierungssystem). Dieses System macht es Psychologen weltweit möglich, die Gesichtsausdrücke ihrer Patienten genaustens zu notieren.
Hierbei werden einzelne oder mehrere Muskelbewegungen zu sogenannten Action Units (AU, zu deutsch: Bewegungseinheit) zusammengefasst. Es gibt insgesamt 44 Bewegungseinheiten im Gesicht. Zu diesen Einheiten wird immer noch die Ausprägungsstärke angegeben. Diese reicht von Stärke A (an der Wahrnehmungsgrenze oder angedeutet) bis Stärke E (extrem stark ausgeprägt, individuell). So bezeichnet beispielsweise die Action Unit 18A einen angedeuteten Kussmund. Die Liste für die Bezeichnung der einzelnen Action Units kann man auf mehreren Internetseiten einsehen. Es gibt ebenfalls weitere Listen für andere Körperregionen.

Erfolgreich durch Mikroexpressionen

Dieses ganze Wissen muss man sich dank Paul Ekman allerdings nicht komplett selbst aneignen. Er hat ein eigenes Unternehmen, die Paul Ekman Group, gegründet und bietet auf seiner Webseite spezielle Trainingsfernkurse an. Diese gibt es auch von einem deutschen Unternehmen, welches dafür eine offizielle Lizenz von Ekman besitzt. Privatpersonen sind aber nicht die einzigen die seine Hilfe in Anspruch nehmen. Auch Geheimdienste, wie das FBI und die CIA, sowie diverse Security-Firmen sind auf ihn aufmerksam geworden. Er hilft ihnen bei der Schulung des Personals in Form von Intensivkursen. Mit diesen Trainings soll man Lügner identifizieren und lernen wie man die eigenen Emotionen besser kontrolliert. Wer nicht an solchen Trainings interessiert ist, kann auch zwischen 15 Büchern auswählen, in denen er alles über Mikroexpressionen erklärt.

Für seine Fortschritte in der Psychologie wurde Paul Ekman mehrfach ausgezeichnet. Obwohl ihm diese Aufmerksamkeit anfangs nicht gefiel, hat er sich mittlerweile daran gewöhnt. Vom Times Magazin wurde er 2009 als einer der Top 100 bedeutendsten Psychologen ausgezeichnet. Er erreichte den 15. Platz unter den einflussreichsten Psychologen des 21. Jahrhunderts der Fachzeitschrift Archives of Scientific Psychology.

Ekman und Lie to Me

Die bekannte US-Serie „Lie to Me“ basiert auf Ekmans Arbeiten und er dient als wissenschaftlicher Berater der Serie. Die Hauptfigur Dr. Cal Lightman verkörpert Ekman und fühlt in der Serie den Verbrechern auf den Zahn und entlarvt sie als Lügner. Dabei werden die Methoden Ekmans wissenschaftlich korrekt angewendet, da dieser jedes Drehbuch durchgelesen und bearbeitet hat. Er unterstützt die Macher ebenfalls mit kleinen Clips und Bildern von Mikroexpressionen aus seiner Kartei. Beliebt sind dabei Aufnahmen von Reden bekannter Politiker. Die Serie wird mittlerweile in mehr als 60 Ländern ausgestrahlt und ist auch auf Netflix zu sehen.

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