Geschichten mit Botschaft

Besser oder schlechter als ihr Ruf?

Buch mit Diagrammen

Allgemeine Wahrnehmung

Um es mal vorsichtig zu formulieren: Das moderne Publikum ist zu einem großen Teil nicht sonderlich begeistert von der Idee, dass eine Geschichte tiefere Bedeutungsebenen hat und damit eine Botschaft vermittelt. Es wird als lästig oder bevormundend empfunden, wenn mit erhobenem Zeigefinger eine Moral verkündet wird. Der Zuschauer möchte selbst entscheiden, was richtig ist und fühlt sich nicht ernst genommen, wenn ihm diese Entscheidung abgenommen wird. Und im Prinzip stimme ich hier mit den Kritikern überein. Was sich Kunst schimpft und als solche ernst genommen werden will, sollte dem Zuschauer auch eigenständige Interpretationsarbeit zutrauen. Warum ich also nur „im Prinzip“ zustimme? Weil die oben zitierte Kritik zwar nicht komplett falsch ist, aber ein wenig am Thema vorbei geht.

Tiefere Bedeutung ohne Moral

In einem Satz auf den Punkt gebracht: Eine Geschichte kann eine tiefere Bedeutungsebene mitbringen, ohne am Ende mit erhobenem Zeigefinger eine Moral zu verkünden. Mein Lieblingsbeispiel diesbezüglich: Watchmen. Wer Comic oder Film nicht kennt, für den fasse ich das Ende kurz zusammen. ACHTUNG SPOILER!
Da die Welt kurz vor einem Atomkrieg steht, beschließt einer der Charaktere den Angriff eines größeren, außenstehenden Feindes zu inszenieren. Dadurch soll, so der Plan, die Menschheit durch den gemeinsamen Feind geeint und so ein Krieg untereinander verhindert werden. Der einzige Haken: Um das Szenario plausibel und dringend genug erscheinen zu lassen, müssen Millionen Menschenleben geopfert werden. Das Ende ist nun in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Nicht nur gelingt die Durchführung des Plans, sie hat auch den gewünschten Effekt. Die anderen Charaktere sehen sich also vor einer extrem schwierigen Entscheidung: Entweder die Hintergründe dieses monströsen Verbrechens offenlegen und damit den frisch entstandenen Frieden opfern oder schweigen, was den Frieden bewahrt. Die Gruppe einigt sich zwar darauf, dass sie schweigen muss, weil sonst all diese Menschen umsonst gestorben wären, aber einer von ihnen lässt sich davon nicht überzeugen und kündigt an, das Lügengebilde auffliegen zu lassen. Dies wiederum stellt die Charaktere vor die nächste schwierige Wahl: Einen Kameraden töten oder einen Atomkrieg riskieren? Letztlich entscheiden sie sich für ersteres.
Es sollte denke ich klar geworden sein, auf was ich hinaus will. Eine tiefere Bedeutung in der Geschichte zu haben bedeutet nicht zwangsläufig, dass man ein klares Fazit zieht oder Partei ergreift. Die Fragen, die z.B. Watchmen aufwirft, sind in höchstem Maße relevant für uns. Und der Film stellt die Fragen nicht nur, er bietet auch Antworten. Es ist aber immer so, dass nicht nur eine, sondern mehrere Antworten auf dieselbe Frage geliefert werden und der Film keine abschließende Partei ergreift. Wenn am Ende dann schließlich impliziert wird, dass die Lüge schlussendlich doch auffliegen wird, weiß man als Zuschauer nicht, was man dabei empfinden soll. Und genau das ist eine unglaublich mächtige Botschaft. Dass Moral nicht auf dogmatischen Regeln basieren kann und auch moralisch richtiges Handeln nicht zwangsläufig immer zu besseren Ergebnissen führt, das ist Gegenstand nicht weniger ausufernder, philosophischer Schriften.
Komplett neu sind die vorgebrachten Konzepte natürlich nicht, man könnte sogar sagen es handelt sich vielmehr um Klassiker. Doch ist das wirklich etwas Negatives?

Bedeutungsebenen als Mittel zur Immersion

Ganz besonders dann, wenn sich eine fiktionale Welt grundlegend von unserer unterscheidet und viele abgedrehte Elemente enthält, ist es besonders schwierig, sie dem Zuschauer als glaubwürdig zu verkaufen. Hier kann man alleine durch die Inszenierung zwar viel erreichen, aber auch durch ein paar tiefere Bedeutungsebenen lassen sich sehr gute Effekte erzielen. Die Logik dahinter ist recht einfach: Wenn der Zuschauer sieht, dass die fiktionale Welt letztlich vor denselben Problemen steht wie unsere reale Welt, dann wirkt das authentisch. Mag zwar sein, dass dort Monster oder Raumschiffe über den Bildschirm flimmern, aber dahinter sind bekannte Strukturen zu erkennen.
Für Charaktere gilt dasselbe. Mein Lieblingsbeispiel für diesen speziellen Punkt ist District 9. Dort empfindet man mit fremdartigen Aliens, die nicht einfach wie bei Avatar knuffig aussehen, sondern durchaus auch Monster in einem Horror-Film sein könnten, wirklich authentisches Mitleid. Der Wunsch, nach Hause zu kommen. Die Sorge um die eigenen Kinder. Der Kampf gegen Diskriminierung. All diese Themen kennen wir aus dem echten Leben. Und sie schaffen Bezugspunkte zu Charakteren, die mit uns ansonsten nichts gemeinsam haben.
Tiefere Bedeutung in Geschichten ist nicht zwangsläufig negativ. Nur wenn der Autor die Sache zu einer simpel gestrickten Moral verkommen lässt, wird es zum Problem. Denn das Publikum hat ein Recht darauf, ernst genommen zu werden.

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