Relativismus

Ein schlüssiger Denkansatz oder Humbug?

Human Mind

Was hat es mit Relativismus auf sich?

Um zunächst einmal eine kleine Eine kleine Einleitung zum Thema zu geben: Es gibt nicht DEN Relativismus. Es existieren mehrere relativistische Denkrichtungen, die sich teils in grundlegenden Faktoren unterscheiden, ja sogar komplett unterschiedliche Themengebiete behandeln und daher nicht in einen Topf geworfen werden sollten. (Auch wenn das natürlich leider viel zu oft geschieht.)

Semantischer Relativismus

Zunächst einmal wäre hier der Bedeutungsrelativismus (auch: semantischer Relativismus) zu nennen. In diesem wird davon ausgegangen, dass ein Begriff je nach Kontext eine unterschiedliche Bedeutung haben kann. Das klingt zunächst einmal recht banal, aber ich fürchte ich muss den geneigten Leser nun kurz in den Kaninchenbau ziehen. Denn ganz so einfach ist die Sache mit dem semantischen Relativismus dann doch nicht.
Das Wort „Bulle“ zum Beispiel kann je nach Kontext für ein Tier oder einen Menschen mit einem bestimmten Beruf stehen, das ist offensichtlich. Auf diese Doppeldeutigkeit zielt der Bedeutungsrelativismus aber nicht ab. Wenn von einer kontextabhängigen Bedeutung von Begriffen geredet wird, ist mit „Begriff“ nicht ein spezielles „Wort“ gemeint. Vielmehr bezeichnet „Begriff“ hier eine gedankliche Kategorie, die bestimmte Gegenstände oder Sachverhalte beschreibt. Die Worte „Bulle“ und „Polizist“ können also denselben Begriff bezeichnen und allgemein kann ein Begriff von mehreren unterschiedlichen Worten beschrieben werden. Doch wie kann bei dieser Definition überhaupt ein Begriff unterschiedliche Bedeutungen haben? Ist das nicht unmöglich, wenn damit eine gedankliche Kategorie bezeichnet wird und nicht das Wort, das genutzt wird, um diese zu beschreiben?
So Leid es mir auch tut, ich muss noch ein wenig weiter in den Kaninchenbau vordringen und erläutern, welche Bedeutung das Wort „Bedeutung“ im Kontext des semantischen Relativismus hat. Hier geht es nämlich um die Beziehung der oben bereits beschriebenen gedanklichen Kategorien zu den tatsächlich existierenden Gegenständen und Sachverhalten. Wenn die Worte „Bulle“ und „Polizist“ also verschiedene Ausdrücke für denselben Begriff sind und ein „staatlich legitimierter Ordnungshüter“ die (kurz gehaltene) Definition des in diesem Beispiel beschriebenen Begriffes ist, dann ist die Beziehung zwischen dieser Definition (und die Frage, ob sie passt) und dem tatsächlich auf der Straße herumlaufenden Polizisten die Bedeutung des Begriffs.
Und hier kommt dann letztlich die relativistische Komponente ins Spiel: Keine gedankliche Kategorie, keine Definition und kein Konzept kann so scharf gefasst sein, dass es über zeitliche, kulturelle und situative Unterschiede hinweg immer eine klare Zuordnung zulässt.
Da jedoch zumindest kulturelle Unterschiede sich im Regelfalle im Alltag in Grenzen halten und wir ohne eine Möglichkeit zur Zeitreise auch höchstens beim Geschichtsstudium mit dem vollständigen Kontext einer anderen Zeitepoche in Kontakt geraten, ist der semantische Relativismus eher eine interessante Gedankenübung. Der praktische Nutzen hält sich in Grenzen und ist nur in Sonderfällen überhaupt vorhanden, aber hey: Gedankenexperimente sind spannend!

Moralischer Relativismus

Der moralische Relativismus (auch: Werterelativismus) ist zugleich in der Theorie höchst beängstigend auf der einen Seite und real gelebte Lebenseinstellung für viele Menschen auf er anderen Seite. Eine höchst bedenkliche Kombination. Doch was ist mit moralischem Relativismus eigentlich gemeint?
Vereinfacht gesprochen gehen Anhänger des Werterelativismus davon aus, dass es keine objektiv richtigen Moralvorstellungen gibt. Diese reine Subjektivität gilt in ihren Augen nicht nur für die Feinheiten einzelner Aspekte der Moral, sondern auch für die „großen Themen“. Und dort entstehen die Probleme in meinen Augen. Wer anzweifelt, dass z.B. Mord nach objektiven Maßstäben falsch ist, der ist eine Gefahr für die Gesellschaft. Und das nicht nur durch sein eigenes Handeln, sondern auch durch seinen Einfluss. Noch dazu liegt er schlicht und einfach falsch.
Denn nicht nur sind wir Menschen mit einem Überlebenstrieb ausgestattet, wir besitzen auch die emphatischen Fähigkeiten, um zu erkennen, dass die Menschen um uns herum ebenfalls mit diesem Trieb ausgestattet sind. (Vom wissenschaftlichen Nachweis des Überlebenstriebes mal ganz abgesehen.) Wir wissen also, dass wir selbst leben wollen. Und wir wissen, dass dies anderen Menschen genau so geht. Allein auf Basis dieser zwei Erkenntnisse ist ein grundloser Mord nicht mehr moralisch rechtfertigbar. Auf einer sehr einfachen Ebene könnte man in diesem Kontext Moral als „das, was der Herde nutzt“ definieren, Menschen sind schließlich auf soziales Miteinander angewiesen. Von einem grundlosen Mord „aus Spaß“ kann die Herde nicht profitieren, sondern nur Schaden nehmen. Sobald es an die Feinheiten moralischer Entscheidungen geht und man Leid bzw. Menschenleben gegeneinander aufwiegen muss, dann gibt es Spielraum für Diskussionen. Der gesellschaftliche Kontext spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. Für eine Gruppe Höhlenmenschen kann es überlebensnotwendig sein, dass ein unfähiges Oberhaupt gewaltsam gestürzt wird. In einer Welt, die keine demokratischen Strukturen kennt und somit keine friedliche Machtübernahme vorsieht, ist dieser Gewaltakt ggf. wirklich alternativlos. Grüße an Frau Merkel an dieser Stelle. Dass ich an dieser Stelle im gleichen Satz wie eine Welt ohne Demokratie erwähne, ist natürlich reiner Zufall und zielt nicht auf eine wie auch immer geartete Wertung ab. Worauf hinaus will: Viele Moralvorstellungen sind in der Tat nicht objektiv begründbar. Aber die simple Prämisse, dass es falsch ist ein Leben grundlos zu beenden oder ohne Anlass anderen Menschen Leid zuzufügen, dies ist für empathische Wesen wie den Menschen eine Konstante, die auch aus rein logischer Sicht nicht abgestritten werden kann in meinen Augen. Betonung liegt hier auf „ohne Anlass“.

Wahrheitsrelativismus

Im alltäglichen Sprachgebrauch ist mit Relativismus meistens der Wahrheitsrelativismus gemeint. Dieser konstatiert, dass es keine objektive und absolute Wahrheit gibt. Jegliches Wissen, sogar jegliche Überzeugung, ist laut dieser Ansicht rein subjektiv und nicht allgemeingültig beweisbar.

Ich sage es vorweg: Ich sehe in gelebtem Wahrheitsrelativismus eines der größten Probleme unserer Gesellschaft. Warum ich das so sehe? Beginnen wir zunächst einmal mit den Problemen in der Argumentation von Anhängern dieser Denkrichtung.
Zunächst einmal wird hier das Wort „Wissen“ auf beinahe schon metaphysische Art umdefiniert. Wenn Wahrheitsrelativisten von „Wissen“ sprechen, dann meinen sie damit letztlich „Erkenntnisse mit dogmatischer und absoluter Sicherheit“. Diese Definition hat aber mit dem, was wir im Allgemeinen unter dem Wort verstehen, nichts zu tun. Denn dogmatische Sicherheit kann ein Mensch per Definition allein durch sein Mensch-Sein nicht erlangen. Das Wort wird also zu einer nicht erreichbaren Utopie erhoben, die nicht erreichbar ist. Tatsächlich ist mit „Wissen“ aber eine gesicherte Erkenntnis gemeint. Oder nochmal anders ausgedrückt: Wissen stellt die maximal menschenmögliche Erkenntnisstufe dar. Und diese Erkenntnisstufe wird nicht durch reiner Meinungsäußerung erreicht, sondern über empirische Beweise und die bestmögliche Eliminierung des subjektiven Faktors. Peer Reviews, Kontrollgruppen und dergleichen existieren gezielt, um die Subjektivität soweit es geht zu eliminieren. Alleine deshalb ist es schon unsinnig, sämtliches Wissen als rein subjektiv abzutun.
Aber auch darüber hinaus gibt es auf logischer Ebene Probleme: Denn wenn laut dem Wahrheitsrelativismus keine allgemein gültige Wahrheit existiert und jegliche Erkenntnis rein subjektiv ist, dann gilt das auch für den Relativismus selbst. Und wenn die Richtigkeit des Relativismus nicht allgemein beweisbar ist, kann auch dieser nicht über die Meinung des Äußernden hinaus Gültigkeit beanspruchen. Theoretisch geht das Problem noch viel tiefer, weil auch andere Dinge bei konsequent zu Ende gedachtem Relativismus nicht mehr klar und allgemeingültig definierbar wären. So gäbe es keine klare Erkenntnis darüber, was Relativismus eigentlich aussagt, ob der einzelne ihm wirklich anhängt, ja sogar ob Relativismus überhaupt existiert stünde zur Debatte.

Doch alle logischen Probleme mal beiseite: Warum sehe ich im Relativismus so ein großes Problem? In erster Linie macht ein umgreifender Relativismus die Diskussionskultur einer Gesellschaft kaputt. Wenn in einem Gespräch nur noch jeder Beteiligte einmal seine Meinung äußert und danach ohne weiteren Schlagabtausch „Agree to Disagree“ gesagt wird, dann hat das den Namen Diskussion nicht verdient. Es ist wichtig für die Entwicklung der Gesellschaft als Ganzes und auch für den Einzelnen, dass Überzeugungen vertreten und herausgefordert werden. Es ist wichtig, dass Argumente ausgetauscht und hitzige Debatten geführt werden. Nur wenn Ideen angezweifelt oder penetrant vorgebracht werden, kann es irgendwie vorwärts gehen.
Wenn jeder nur still seine eigene Meinung für sich behält, dann ist gesellschaftlicher Stillstand angesagt. Ein Zustand, der sehr schnell in einen Verfall übergehen kann.

Ein weiteres Problem, das ich sehe: Relativismus wird oft als Deckmantel für die Verbreitung haltloser Thesen benutzt. Ein gutes Beispiel sind hier die Young-Earth-Creationists, die nach wie vor der Überzeugung sind, die Erde sei erst 6000 Jahre alt. Besonders in Amerika arbeiten diese oft mit der Taktik, keinen Wahrheitsanspruch geltend machen zu wollen. Mit wissenschaftlichen Fakten konfrontiert kommt dann im Regelfalle etwas in der Richtung von: „Wir sagen ja nicht, dass es genauso ist. Wir glauben halt dran. Agree to Disagree.“ Besonders perfide wird dies, wenn in Bezug auf den Lehrplan von Schulen die Parole „Teach the controversy“ ausgepackt wird, also ein paralleles Unterrichten von wissenschaftlichen Fakten und der biblischen Schöpfungsgeschichte gefordert wird, bei dem beide Ansichten als gleichwertig valide Erklärungen zur Entstehung der Erde dargestellt werden. Das Problem hieran ist offensichtlich: Sie sind nicht gleichermaßen plausibel. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse stützen sich auf Berge von empirischen Beweisen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen, während die biblische Schöpfungslehre fundamental unseren gewonnen Erkenntnissen widerspricht.
Aber in der Außenwirkung sehen die Leute nur Folgendes:

  1. Einen Kreationisten, der sagt „Teach the controversy“ und die eigene Ansicht beständig relativiert.
  2. Einen Wissenschaftler, der auf seiner Meinung beharrt und die Meinung der Gegenseite als Unfug abtut.

Wer keine Ahnung von den Fakten hat, wird hier also die Verbohrtheit und Ignoranz des Kreationisten mit einer Offenheit für Ideen verwechseln und den Wissenschaftler aller Wahrscheinlichkeit nach für einen dogmatisch denkenden Menschen halten, der fremde Meinungen einfach abtut.
Manch ein Leser mag nun der Meinung sein, dass darauf ja kaum Leute hereinfallen. Dazu sage ich nur eins: Über 40% der amerikanischen Gesamtbevölkerung(!) glauben, dass die Erde jünger als 10.000 Jahre ist, weil sie an die biblische Schöpfungsgeschichte glauben. Und diese wird dort mit genau den von mir hier beschriebenen Methoden verbreitet. Die Sache scheint also verdammt gut zu funktionieren.

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