Zeitreise und Moral

Hält die menschliche Moral dem Raum-Zeit-Kontinuum stand?

Eternal Clock

Wäre es moralisch vertretbar, die Vergangenheit zu verändern?

Wir alle kennen Filme und Bücher über Zeitreisen. Ob es nun die eher charmante Variante in „Zurück in die Zukunft“ ist oder der Blick in eine postapokalyptische Welt wie in „The Time Machine“ erfolgt: Die Faszination nicht nur Raum, sondern auch Zeit überwinden zu können, ist selbst nach Jahrhunderten noch ungebrochen. Deshalb wagen wir einfach mal ein kleines Gedankenexperiment und stellen uns vor, Reisen in die Vergangenheit wären auch in der Realität möglich.

Ein kleiner Disclaimer vorneweg: Die Möglichkeit eines Paradoxons blenden wir für diesen Artikel einfach mal ganz dreist aus. Wann und wie ein Paradoxon entsteht und ob sich dadurch wirklich das Raum-Zeit-Gefüge auflösen würde, das sind ohne Zweifel spannende Fragen. Diese heben wir uns aber für einen anderen Tag auf.

Konsequenzen abschätzen und der Butterfly-Effect

Dieser Aspekt des Gedankenexperiments ist relativ naheliegend und den meisten Menschen auch schon bekannt. Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Europa kann rein theoretisch eine Ereigniskette in Gang setzen, die in einem Erdbeben am anderen Ende der Welt resultiert. Wenn wir in die Vergangenheit reisen würden, könnten wir die Konsequenzen unseres Eingreifens entsprechend auch nicht ansatzweise überschauen oder voraussagen. Zumal ein aktiver Versuch, die Geschichte zu ändern, einen sehr massiven Eingriff darstellt. Mit der Verhinderung eines Unheils könnten wir ohne Weiteres eine noch viel größere Katastrophe herbeiführen.
Ein naheliegender Gedanke an dieser Stelle wäre, einfach komplett auf Zeitreisen in die Vergangenheit zu verzichten. Wenn man nicht mit Sicherheit sagen kann, ob man die Dinge zum Besseren wendet, lässt man es lieber ganz sein.

Diese durchaus plausible Denkweise berücksichtigt aber ein zentrales Thema überhaupt nicht: Dass im Bezug auf Moral die Intention eine entscheidende Rolle spielt. Wenn es also um die Frage geht, ob Zeitreisen in die Vergangenheit moralisch vertretbar oder gar obligatorisch sind, fällt eine klare Antwort nicht ganz so einfach.
Beginnen wir vielleicht zunächst einmal mit einem Beispiel, das keine Zeitreise beinhaltet, um die Grundlagen deutlich zu machen. Stellen sie sich vor, ein ertrinkendes Kind wird von einem vorbeilaufenden Spaziergänger aus einem Fluss gerettet. Die meisten Menschen würden hier zustimmen, wenn von einer moralischen Pflicht zur Rettung des Kindes gesprochen werden würde. Und selbst wenn sie keine moralische Pflicht gegeben sehen (für den Retter besteht schließlich auch ein Risiko bei der Aktion), so würden die meisten Leute wohl bestätigen, dass der Spaziergänger moralisch korrekt gehandelt hat. Hier kommt jetzt der obligatorische Twist an der Sache: Stellen sie sich vor, das ertrinkende Kind heißt Adolf Hitler. (Ja, wir bedienen das Klischee und ziehen Hitler mit in die Sache hinein.) Wird dadurch die Rettungsaktion des Spaziergängers plötzlich unmoralisch? In meinen Augen wird sie das nicht, denn in der Situation handelte er nach bestem Wissen und Gewissen. Für ihn stellte sich nur die Frage, ob er ein Kind retten soll oder nicht. Der unvorhersehbare Rattenschwanz an Ereignissen, den seine Tat verursacht, kann und darf keine Rolle bei der moralischen Wertung seines Handelns spielen. Denn es wäre in gleichem Maße möglich gewesen, dass das dort ertrinkende Kind zu einem Wissenschaftler heranwächst, der ein Heilmittel gegen Krebs entdeckt. Bei der moralischen Evaluation können nur die Faktoren eine Rolle spielen, die für das Individuum in der jeweiligen Situation abschätzbar sind.
Bezogen auf Zeitreisen ließe sich hier eine ähnliche Argumentation herleiten: Wer die Möglichkeit hat, Völkermorde zu verhindern, der handelt moralisch richtig, wenn er dies auch versucht. Denn die vage Möglichkeit, dass alles dadurch noch viel schlimmer kommen könnte, entzieht sich unserer direkten Beurteilung und ist damit für die moralische Wertung nicht relevant.
Auch diese Argumentation ist valide, es ließe sich ggf. sogar eine moralische Pflicht herleiten, Verbrechen der Vergangenheit zu verhindern.
Was hierbei jedoch eine ganz entscheidende Rolle bei der Bewertung spielt, ist in meinen Augen der aktuelle Zustand der Welt (aus Sicht der Gegenwart des Zeitreisenden). Wenn sich die Welt nämlich in einem überdurchschnittlich guten Zustand befindet und das Leid auf der Welt sich in Grenzen hält, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser Zustand durch ein Ändern der Geschichte zum Schlechteren hin wendet, recht groß. Ist der aktuelle Zustand der Welt hingegen vergleichsweise schlecht, besteht eine hohe Chance, dass der Zeitreisende seine eigene Gegenwart durch die Änderungen zum Guten hin verändert. Es ergibt sich natürlich das große Problem, dass der Status der Welt nirgendwo einfach ablesbar ist und eine genaue Beurteilung der Lage kaum objektiv möglich scheint. Aber vernachlässigen darf man diesen Faktor definitiv nicht. Wir führen hier schließlich ein Gedankenexperiment durch.

Zeitreisen im Multiversum

Wenn man diskutiert, ob Zeitreisen in die Vergangenheit moralisch vertretbar sind, muss man natürlich auch das zugrunde liegende Modell für die Zeitreise klären. Weiter oben sind wir von einer einzelnen, veränderbaren Zeitlinie ausgegangen.

Doch welche Implikationen hätte es, wenn wir in einem Multiversum leben würden? Um diese Modellvorstellung kurz zu erklären: In einem Multiversum existiert nicht nur eine Realität, es existieren unzählige verschiedene Realitäten parallel zueinander. Und mit jeder getroffenen Entscheidung bzw. jedem Zufallsereignis entsteht für jeden möglichen Ausgang eine neue Realität, wodurch sich ein baumartiges Geflecht aus Parallelwelten bildet. Um es an einem simplen Beispiel fest zu machen: Wird eine Münze geworfen, entsteht ein Universum, in dem Kopf oben lag und eines, in dem Zahl oben lag.
Was das mit der Frage zu tun hat, ob ein Versuch die Vergangenheit zu verändern moralisch ist? Nun, streng genommen wird in diesem Modell des Universums bei einer Zeitreise in die Vergangenheit nicht verändert. Es bildet sich nur ein neues Paralleluniversum mit einem alternativen Ausgang der Geschehnisse. Man würde, um das obligatorische Hitler-Beispiel von weiter oben noch einmal aufzugreifen, einen Völkermord nicht verhindern, sondern nur ein Paralleluniversum erschaffen, in dem dieser nicht stattfindet. Im ursprünglichen Universum wäre der Völkermord aber nach wie vor Teil der Zeitlinie.
Letztlich ergibt sich daraus eine Machtlosigkeit gegenüber der historischen Geschichte, da die Zeitlinien an sich nicht veränderbar sind. Dies im Hinterkopf ließe sich sehr gut argumentieren, dass es ohne eine Möglichkeit zu Änderung der Geschichte auch keine moralische Pflicht zum Handeln geben kann.
Die Frage müsste hier also eigentlich anders gestellt werden: Ist es moralisch vertretbar, neue Zeitlinien/Paralleluniversen zu erschaffen, indem man in die Vergangenheit reist? Und hier wird es dann wirklich knifflig. Denn die Implikationen einer neu entstandenen Parallelwelt, aus der wiederum Millionen anderer Parallelwelten hervorgehen würden, sind schlichtweg komplett unüberschaubar.

So gerne ich auch ein konkretes Fazit ziehen würde: Bei diesem Thema bin ich wirklich unentschlossen. Es bleibt ein spannendes Gedankenexperiment und großartiger Stoff für fiktionale Geschichten, aber ich bin sehr froh, dass ich im Moment noch nicht gezwungen bin, mir eine abschließende Meinung zu bilden.

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